Ismail Ertug wird wortbrüchig
„Es gibt viele, die ihre Denkmäler zerkratzt haben, weil sie nicht wussten, wann sie aufhören sollen. Ismail Ertug weiß es: Er hört jetzt auf.“ Mit diesen Worten wird die „Verzichtserklärung“ des Europaabgeordneten auf sein Stadtratsmandat in der Wochenend-Ausgabe der Amberger Zeitung vom 24. Oktober 2009 eingeleitet.
In einem am 9. Juni 2009 veröffentlichten AZ-Interview hat sich das auf die Frage „Werden Sie auch künftig Ihre Stadtratstätigkeit ausüben können?“ noch so angehört: „Natürlich. Ich bin Kommunalpolitiker und werde die kommunalen Interessen auch in Europa vertreten!“
Das Lamento über Ertug’s zeitliches Dilemma klänge durchaus glaubhaft, wenn es da seitens der SPD nach der Kommunalwahl 2008 nicht geheißen hätte: Auch wenn er den Sprung in das Europaparlament schafft, will Ertug weiter dem Amberger Stadtrat angehören. „Ich bin mit Leib und Seele Kommunalpolitiker. Ich will das nicht aufgeben“.
Der nunmehr nobel dargebotene Ausstieg aus dem Stadtparlament zugunsten des gescheiterten Roland Pirner (obwohl auf Platz 3 der SPD-Kandidatenliste gesetzt) verdient deshalb die Bezeichnung „Wortbruch“.
Aufgefallen ist allerdings, dass der Stadtratssitz von Ertug bereits in der Vergangenheit (noch ganz ohne die jetzt angeführte Arbeitsbelastung eines Europaparlamentariers) häufig leer geblieben ist.
So war das vorzeitige Verlassen der Stadtratssitzung am 11. Mai 2009 nach Ertug’s Angaben einem Besuch bei Milchbauern in Hahnbach geschuldet. Ist das Fernbleiben von der Stadtratssitzung am 26. Oktober 2009 etwa auch auf mangelndes Interesse an der Amberger Stadtpolitik zurückzuführen? Seinem eigenen im Internet veröffentlichten Terminkalender zufolge befand sich Ertug an diesem Tag in seinem Wahlkreis – allerdings ohne einen Termineintrag, d.h. nicht einmal mehr die Stadtratssitzung wird im Kalender vermerkt („Der Terminkalender wird regelmäßig gepflegt. Schauen Sie also ruhig öfters rein“).
Wer selbst bedauert, dass er innerhalb eines halben Jahres „kein einziges Mal“ bei einer Sitzung dabei sein konnte (und - so wie es aussieht - auch bis zum angepeilten Rückzugsdatum „31.12.2009“ nicht „können“ wird), der sollte mit der gleichen Selbstverständlichkeit seinen Verzicht auf die monatliche Aufwandsentschädigung für seine Stadtratstätigkeit erklären.
Unbedingt zustimmen sollte der Stadtrat der Entlassung von Ismail Ertug; denn ein Stadtrat, der unmotiviert ist oder den Wählerauftrag nicht ernst nimmt, dient weder seiner Stadt noch deren Bürgerinnen und Bürgern.
Ismail Ertug dürfte jedenfalls zu den ganz wenigen gehören, die sich schon mal auf die Schnelle ein eigenes Denkmal errichtet haben. Die ziemlich überhebliche Befürchtung, dass es zerkratzt werden könnte, geht auf alle Fälle ist Leere.

